Umsetzung des Landesparteitags-Beschlusses ab Januar

Die britische Paralympics-Schwimmerin Jessica-Jane Applegate soll von einem deutschen Journalisten einmal gefragt worden sein,  mit welchem Job  sie ihre Sportkarriere finanziere. „Welcher Job? Schwimmen ist mein Job!“, erwiderte ihm die irritierte Applegate.  Anders als die Britin müssen sich deutsche Paralympioniken zusätzlich neben ihrem Training mit einem Job über Wasser halten. „Solch eine gleiche Anerkennung von Leistung wie in Großbritannien wünsche ich mir auch in Deutschland“, sagt Florian Haaré, 18, Juso und Schüler an der Gemeinschaftsschule Jenaplanschule in Weimar. In UK sei der Umgang mit behinderten Menschen viel entspannter und normaler als hierzulande: „Dort läuft zum Beispiel Sport für Behinderte regelmäßig im Fernsehen, man spricht viel offener darüber“, berichtet der einstige Leistungssportschwimmer.

Für eine höhere Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen, für die Anerkennung ihrer Leistungsfähigkeit sowie passgenaue politische Unterstützung will nun die neue Arbeitsgemeinschaft “SelbstAktiv” in der SPD Thüringen arbeiten. Im von den Jusos auf dem Landesparteitag im November eingebrachten Antrag zur gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist die AG ein wichtiger Baustein – angeregt wurde sie von Florian Haaré, Anke Lorenz und Vater Rainer Haaré aus Weimar.

Politische Lösungen – von Betroffenen entwickelt

Florian formuliert das Ziel der AG so: „Wir möchten die Politik dabei unterstützen, Lösungen zu entwickeln, die uns als Betroffene tatsächlich helfen.“ Den Vorteil benennt er klar: „Da wir uns viel intensiver mit unseren Themen beschäftigen, können wir genauere Vorschläge machen, die aus dem Alltag von behinderten Menschen kommen.“ Ein geplantes Projekt ist zum Beispiel die Entwicklung einer verbindlichen Checkliste für Barrierefreiheit sowohl für SPD-Veranstaltungen als auch bauliche Vorgaben z.B. bei neuen Geschäftsstellen. Damit in dieser Checkliste möglichst viele Varianten von Beeinträchtigungen berücksichtigt und mitbedacht werden können, wünschen sich Florian und Rainer Haaré viele weitere Aktive, die ihre Erfahrungen und Perspektiven in die Arbeit der AG einbringen.

Doch das Leben von Menschen mit Beeinträchtigung erleichtert nicht nur Barrierefreiheit, sie sei auch eine gesamtgesellschaftliche Frage, sagt Rainer Haaré. In Deutschland leben rund 8 Mio. Menschen mit Behinderungen*, davon 217.000 in Thüringen. Ihr Leben findet leider immer noch zu selten auch im öffentlichen Raum statt. Darin sieht Vater Rainer Haaré eine Ursache für andauernde Berührungsängste vieler Menschen mit Behinderten.  „Mehr Gelassenheit täte uns als Gesellschaft gut“, sagt er.

Selbst öffentlich aktiv werden

Deshalb steht neben der Entwicklung von konkreten Lösungsvorschlägen auch die Aktivierung der Betroffenen selbst auf der Agenda der AG: Menschen mit Behinderungen sollen viel stärker selbst aktiv werden und bewusst die Öffentlichkeit suchen – sei es im nahegelegenen Sportverein oder in anderen Interessensgebieten – und sich dort aktiv einbringen.  „Die Queers haben zum Beispiel ihren CSD. Damit sind sie öffentlich sichtbar. Das hat auch zur Akzeptanz in der Gesellschaft beigetragen. Solch eine Normalität wünsche ich mir auch für Menschen mit Behinderungen“, sagt Florian. Auch dazu hat die AG bereits Pläne.

Zur Vorbereitungsversammlung zur Gründung der AG im Landesverband am 19. Januar 2019 in Weimar sind alle Interessierten, auch Nicht-Mitglieder der SPD, und ihre Angehörigen herzlich willkommen!

Wann: 19.01.2019, 10:30 Uhr bis 14:30 Uhr
Wo: Max Zöllner Stiftung (EG, barrierefrei), Gutenbergstraße 29a, Weimar

* Die 8 Mio. umfassen jene Menschen in Deutschland, die einen Behindertenausweis beantragt haben. Die Dunkelziffer behinderter Menschen liegt deutlich höher.